In der Selfie-Medizin müssen Patienten zeigen, wie verantwortlich sie handeln

Das System der Selfie-Medizin

Es ist wohl wahr, dass nichts über den persönlichen Kontakt geht. Wir Menschen brauchen den direkten Austausch und das soziale Miteinander. Sehr gut zeigt sich diese Neigung an unserem regen Engagement in sozialen Medien wie Facebook und Twitter.

Psychologen, die sich damit eingehender beschäftigt haben, kommen zu dem Schluss, dass wir, auch wenn wir manchmal vielleicht ganz gern mit einem Mord davonkommen würden, ein Bedürfnis haben, uns verantwortlich zu zeigen. Aus den verschiedensten Gründen fühlen wir uns weniger isoliert, wenn wir von einer Art Big Brother überwacht werden.

Die meisten Persönlichkeitstypen haben das Bedürfnis, in irgendeiner Weise Eigenverantwortung zu beweisen. Diese Erkenntnis erweist sich in allen möglichen Bereichen als sehr nützlich. In jüngster Zeit verwendet man dieses Wissen auf sehr effektive Art und Weise, um Patienten dazu zu bewegen, ihre Medizin zu nehmen.

Hier kommt die Selfie-Medizin.

Ein prüfender Blick auf die Tabletten

Bei der Selfie-Medizin handelt es sich im Grunde genommen einfach um eine Smartphone-App, die die Patienten anhält, ihre Pillen zu schlucken. Der Patient öffnet die App und nimmt ein kleines Video auf, das zeigt, wie er die Medizin verschreibungsgemäß einnimmt. Dieses Video wird dann an die Klinik oder das Ärztehaus, von wo der Patient die Verschreibung erhalten hat, weitergeleitet. Aufgabe der Person, die das Video in Empfang nimmt, ist es, die korrekte Medikamenteneinnahme des Patienten zu überwachen.

Laut einer populären Presseseite ist dies für viele Patienten im texanischen Houston längst Alltag, und die Praxis der Selfie-Medizin macht sich bereits für den gesamten Bundesstaat bezahlt. Im Wesentlichen werden durch die Selfie-Medizin weniger Pflegekräfte benötigt, da weniger Hausbesuche abgestattet werden müssen, um zu überprüfen, dass die Patienten die notwendigen Medikamente auch wirklich wie verordnet einnehmen. Die Patienten mittels dieser App selbst in die Verantwortung für die ordnungsgemäße tägliche Einnahme zu nehmen, ist wesentlich kostengünstiger.

In Houston und in diversen anderen Städten wird diese Methode gerade bei Tuberkulose-Patienten angewendet. In einer Klinik in Tennessee wird die Selfie-Medizin in der Behandlung von Opioidsüchtigen erfolgreich eingesetzt und momentan untersuchen Forscher die Wirksamkeit der Methode in der Behandlung von Hepatitis C.

Ärzte machen sich die Generation Selfie zunutze

Auf Leben und Tod

Die Selfie-Medizin ist eine Interventionsmethode, die vor allem darauf abzielt, weltweit ein sehr reales Problem im Gesundheitswesen zu lösen. Statistiken zeigen, dass Patienten oft so unvernünftig sind, einen Medikationszyklus nicht bis zum Ende durchzuziehen. Bis zu 50 % brechen vorzeitig ab. Dieses Problem ist gravierend, was die über 100.000 Todesfälle pro Jahr, die sich daraus ergeben, zeigen. Wenn man bedenkt, dass es bei der korrekten Einnahme verschriebener Medikamente um Leben und Tod geht, wird einem klar, warum es so wichtig ist, die Eigenverantwortung der Patienten stärker ins Visier zu nehmen und zu kontrollieren.

Wir leben in einer digitalisierten Welt

Es gibt auch die Überlegung, statt auf eine Selfie-Medizin lieber auf digitale Übertragung zu setzen. Mit den Fortschritten auf dem Gebiet der Nano-Technologie ist die Idee nicht mehr weit hergeholt, Medikamente mit digitalen Sendern auszustatten, um zu überprüfen, ob die Patienten tatsächlich ihre Pillen schlucken. Diese Art von Technologie kann überall eingesetzt werden, um das öffentliche Gesundheitswesen zu verbessern, vom Online-Shopping bis zu Online-Casinos.

Datenschutzprobleme und mögliche Stolperfallen

Wie bei den meisten neuen Ideen gibt es auch bei der Selfie-Medizin Bedenken. Eine Hauptsorge betrifft die Privatsphäre. Problematisch ist auch die Frage nach den möglichen Konsequenzen. Was passiert, wenn ein Patient kein Video von seiner Medikamenteneinnahme hochlädt? Patienten können rechtlich nicht belangt werden, wenn sie sich weigern, Medikamente zu nehmen. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Es gibt Überlegungen, wie man Patienten dazu animieren kann, ihre Pillen zu schlucken. Hierzu gehört auch, dass Krankenversicherungen zum Beispiel erst dann für Medikamente zahlen, wenn der Patient nachweist, dass er diese auch tatsächlich einnimmt.

Letztendlich hat jedes System seine Schwachstellen, wobei die Selfie-Medizin mehr Vor- als Nachteile zu haben scheint. Und da diese Vorgehensweise Leben retten kann, ist sie wohl vor allem ein weiteres Beispiel dafür, wie moderne Technologien die Welt, in der wir leben, positiv verändern.