Angela Merkel und ihre Vorbildfunktion

European People’s Party

Im Jahr 2005 wurde Angela Merkel zum ersten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt. Seitdem sind 13 Jahre vergangen, und noch immer ist sie deutsche Regierungschefin. Gleichzeitig mit der Aufgabe ihres CDU-Vorsitzes im Dezember 2018 kündigte sie allerdings an, dass sie sich ab 2021 aus der Politik zurückziehen wird. Was sie danach machen wird, lässt sie bislang offen – vielleicht nimmt sie sich nach all den Jahren in der Politik endlich eine Auszeit und widmet sich einem Hobby. Dass es sich dabei um eine Beschäftigung im Internet oder gar regelmäßige Besuche im Online Casino handeln wird, ist allerdings unwahrscheinlich – bekanntlich hält sie sich gerne in ihrem Garten auf.

Wenn Merkel also 2021 abtritt, hat sie mit 16 Jahren genauso lange regiert wie Helmut Kohl. Zumindest für einen weiteren Fakt hat Merkel einen Platz in der deutschen Geschichte sicher: Sie ist die erste Frau, die Bundeskanzler wurde. Aus diesem Anlass wurde 2005 der heute alltägliche Begriff „Bundeskanzlerin“ von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres ernannt. Eine entsprechende Vorbildwirkung hat Merkel für junge Frauen – sowohl in der Politik als auch im Land.

Vorbild Merkel

Viele junge Menschen in Deutschland können sich gar nicht daran erinnern, dass ihr Land irgendwann einmal von einer anderen Person regiert wurde als von einer Frau. Das führt sogar zu der Legende, dass das eine oder andere Kind seinen Eltern die Frage gestellt hat: „Kann auch ein Mann Bundeskanzlerin werden?“ Auf ältere Kinder und Jugendliche macht die weibliche Regierungschefin sogar noch mehr Eindruck. Sie erkennen, dass es Frauen bis an die Spitze schaffen können – sogar die eines Staates. Allein dadurch, dass sie eine Frau ist, hat Angela Merkel somit eine Vorbildfunktion für junge Frauen. Viele interessieren sich allein dadurch mehr für Politik, dass die oberste Politikerin des Landes eine Frau ist. Und dieses Interesse bringt sie dann möglicherweise sogar dazu, aktiv in die Politik einzusteigen und dort etwas gegen die männliche Überzahl zu tun.

Obwohl mit Merkel seit vielen Jahren eine Frau in der deutschen Politik den Ton angibt, ist noch immer der überwiegende Teil der Politiker männlich. Allerdings gleichen sich die Anteile von männlichen und weiblichen Spitzenpolitikern so langsam an. In der CDU hat sich eine Quote etabliert, nach der 30 Prozent aller Listenplätze von Frauen besetzt sein sollen. Und die CSU hat bereits 2010 beschlossen, dass ihre Bundes- und Bezirksgremien zu 40 Prozent aus Frauen bestehen sollen. Aktuell sind 218 der 709 Abgeordneten im Bundestag weiblich, was einen Anteil von 30,7 Prozent bedeutet. Zwei Parteien, nämlich die Grünen und Die Linke, werden sogar durch mehr Frauen als Männer vertreten.

Kritische Worte gegen den eigenen Nachwuchs

In der Bundestagsfraktion der CDU herrscht dagegen ein Frauenanteil von nur 20 Prozent. Verantwortlich dafür ist der Umstand, dass beinahe alle Abgeordneten der CDU über ein Direktmandat ins Parlament einziehen. Für dieses lassen sich fast ausschließlich Männer aufstellen. Somit bringt die selbst auferlegte Quote von 30 Prozent Frauen für die Listenplätze auch nicht viel. Dass es Merkel nicht gefällt, dass in ihrer eigenen Partei verhältnismäßig wenige Frauen auf höherer Ebene vertreten sind, hat sie auf subtile Weise auf dem Deutschlandtag der Jungen Union Anfang Oktober 2018 in Kiel zum Ausdruck gebracht. Dort wurde der neue Vorsitz der JU gewählt – der nun aus fünf jungen Männern besteht. Merkel, die anschließend eine Rede über Themen wie Migration und den Dieselskandal hielt, konnte sich einen kleinen Seitenhieb gegen die Jugendorganisation ihrer Partei nicht verkneifen. „Ihr geschäftsführender Bundesvorstand ist schön männlich. Aber 50 Prozent des Volkes fehlen“, so die Bundeskanzlerin, die noch hinzufügte: „Frauen bereichern das Leben, glauben Sie mir – nicht nur privat, sondern auch politisch.“ Dass die Junge Union auch Frauen in ihre Spitze lässt, kann sie im Jahr 2020 unter Beweis stellen, wenn nämlich zum nächsten Mal der Vorstand gewählt wird. Merkel selbst hat die Frauenquote in ihrer eigenen Regierung zumindest leicht erhöhen können. Waren es bei ihrem Amtsantritt 2005 noch fünf Ministerinnen, so sind es aktuell sechs.

Regiert Merkel für die Frauen?

Als Frau sollten Merkel eigentlich die Interessen ihrer Geschlechtsgenossinnen besonders am Herzen liegen. Dennoch gilt sie nicht unbedingt als die Kanzlerin der Frauen. In der Zeit ihrer Regentschaft ist es ihr etwa nicht gelungen, die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen zu schließen. Selbst als sich andere Politikerinnen für Belange der Frauen einsetzen wollten, stellte sich Merkel oft quer. Im Jahr 2011 verkündete die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen, dass sie per Gesetz eine Frauenquote in den Führungsetagen großer Unternehmen durchsetzen wolle. Doch auch wenn es Merkel als „ziemlichen Skandal“ bezeichnete, dass es in der Führung der meisten deutschen Firmen einen verschwindend geringen Anteil an Frauen gibt, lehnte sie die Einführung einer Quote ab. Erst gegen Ende ihrer Kanzlerschaft stimmt sie kritische Töne gegen die Überrepräsentanz von Männern und Politik und Wirtschaft an – wovon etwa ihre Bemerkung beim Deutschlandtag der Jungen Union zeugt.

Die Feminismus-Frage

Bei all dem Einfluss, den Angela Merkel auf Frauen in Deutschland hatte und noch immer hat, ist es interessant, welche Haltung sie zum Thema Feminismus hat. Diese lässt sich besonders gut am Verhalten erkennen, das sie im April 2017 auf dem Women20 Summit in Berlin an den Tag legte. Dort saß sie zu einer Diskussion auf der Bühne, an der auch Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten, und Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, teilnahmen.

Miriam Meckel, die Moderatorin der Diskussion, fragte Merkel bei der Gelegenheit, ob sie Feministin sei. Ganz offensichtlich brachte diese Frage die Kanzlerin aus dem Konzept. Während sie nach einer Antwort suchte, lachte das Publikum, dem offensichtlich Merkels Haltung zum Feminismus bekannt war. Zögerlich setzte Merkel an und gab zunächst an, dass es Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihrem Denken und den Prinzipien des Feminismus gibt. Allerdings erkenne sie an, dass Frauen wie Alice Schwarzer sehr für die Rechte der Frauen gekämpft haben, weshalb sie es als anmaßend empfindet, sich nun mit diesen fremden Federn zu schmücken. Sie würde sich nicht dagegen wehren, als Feministin angesehen zu werden, selbst würde sie sich aber nicht als eine bezeichnen wollen.

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass sich Merkel vom Label „Feminismus“ fernhält. Schließlich regiert sie nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Und wenn sie sich öffentlich als Feministin bezeichnen würde, dann würde sie ganz schnell in den Verdacht geraten, dass sie ihr eigenes Geschlecht mit ihren politischen Entscheidungen übervorteilen könnte. Damit, dass sie sich verbal vom Feminismus fernhält, bleibt sie neutral und unangreifbar.

Christine Lagarde, Angela Merkel und Ivanka Trump beim W20 Summit 2017

Nicht nur weiblich

Ohnehin hat Merkel seit ihrer Kanzlerschaft nie viel Wert darauf gelegt, als Frau wahrgenommen zu werden. Ihr Geschlecht sollte für ihre Außenwahrnehmung keine Rolle spielen, viel wichtiger war es, dass das Volk sie für ihre politischen Leistungen schätzt. Deshalb nahm sie belustigende Kommentare zu ihrer biederen Frisur und kritische Stimmen zu ihren klassisch geschnittenen Blazern in dezenten Farben hin. Merkel wollte stets als Mensch überzeugen, nicht als Frau. Die öffentliche Wahrnehmung von ihr war die einer „Mutti“, die sich schützend vor ihr Volk stellt und sich um die wichtigen Dinge kümmert. Dies spaltet jedoch die weibliche Gesellschaft. Manche Frauen würden sich wünschen, dass Merkel und andere Politikerinnen in höheren Positionen ihre Weiblichkeit mehr zum Ausdruck bringen. Andere wiederum mögen es, dass sich Merkel so geschlechtsneutral wie möglich gibt – sowohl optisch als auch politisch –, weil das Geschlecht generell keine Rolle spielen sollte, wenn es um das Besetzen von Führungspositionen geht.

Im Gegensatz zum letzten Wahlkampf in den USA, in dem sich Hillary Clinton und Donald Trump um das Amt des Präsidenten duellierten, war es auch 2005 kein Thema, dass Merkel eine Frau ist. Bei Clinton war in den Medien ständig die Rede davon, dass sie die erste weibliche US-Präsidentin werden könnte, wovon ihr Wahlkampf essenziell bestimmt war. Die Bürger des Landes betrachteten sie nicht als eine von zwei Kandidaten, sondern als Frau – ihr Geschlecht wurde zum Pro- oder Kontra-Argument für die Wahl. Merkel dagegen konnte 2005 einen Wahlkampf auf Augenhöhe und ohne Vorurteile gegen Gerhard Schröder führen. Und als sie den Sieg errungen hatte, war der Fakt relativ schnell vom Tisch, dass sie eine Frau ist. Auch das dient als gutes Vorbild für die jungen Menschen in Deutschland: Wenn man gut ist in dem, was man tut, ist es irgendwann völlig egal, welchen Geschlechts man ist.

Wer auf Merkel folgt

Derzeit bringen sich die Kandidaten in Stellung, die bei der Bundestagswahl 2021 als Nachfolger von Merkel gewählt werden wollen. In der CDU scheint bereits geklärt zu sein, wer die Kanzlerin beerben soll. Bei der Abstimmung über den Parteivorsitz Anfang Dezember 2018 traten zwei Männer und eine Frau an, und am Ende setzte sich mit Annegret Kramp-Karrenbauer die weibliche Kandidatin gegen ihre Parteigenossen Friedrich Merz und Jens Spahn durch. Dass Kramp-Karrenbauer aller Wahrscheinlichkeit nach auch als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl 2021 gehen wird, hat sie wohl zu einem großen Teil Angela Merkel zu verdanken. Und zumindest die Politikerinnen der Partei und die meisten weiblichen Bürger Deutschlands würde es als Erfolg werten, wenn nach 16 Jahren Kanzlerinnenschaft erneut eine Frau das wichtige Staatsamt übernehmen würde.